NEULICH, BEIM GREISSLER
Neulich, beim Greißler um die Ecke, da stapelte die Inhaberin einen Stoß Zeitschriften. Sie komme gleich – hat sie gesagt, sie müsse nur die Zeitungen noch für den Rückversand fertig packen. Geduldig wartete ich bis sie sich meiner annahm. „Des san Türkische“, sagte sie, „wos brauch ma de?“
Ich darauf, bereits an der Kassa stehend, in naiver Manier: “ Naja – stimmt schon. Hier in diesem Gebiet wird´s keine große Nachfrage geben. Man sieht ja hier hier kaum Türkische Leute.“ Sieht sie mich verdutzt an: “ Na san ma uns doch ehrlich – do san ma doch froh drüber, hä?“
Nicht aus Mangel an Zivilcourage, vielmehr perplex ob dieser unerwarteten Entgegnung einer relativ gut bekannten Person, kombiniert mit Drängeln bereits ungeduldiger Kundschaft hinter mir, verließ ich das Geschäft ohne die sich in mir aufdrängenden Worte der Unverständnis zu ihren Ansichten loszuwerden.
Anscheinend schätzt man nach wie vor vermeintlich gut bekannte Leute falsch ein. Und anscheinend gibt es nach wie vor Aufklärungsbedarf. Assoziieren einige Österreicher das Wort „Türke“ nach wie vor mit den Greueln der sogen. Türkenkriegen im 16. und 17. Jht. ? Oder gibt es Angst vor „Islamisierung“
aufgrund von Aussagen und Wahlsprüchen einer Partei in Österreich?
Gibt es vielleicht noch andere Einflüsse in unserer österreichischen Geschichte, deren wir uns gar nicht bewusst sind? Und wie eng ist die Bezeichnung „Österreicher“ eigentlich zu sehen, was die Identität betrifft?
Sicherlich können diese Fragen nicht im gegebenen Rahmen beantwortet werden, dennoch lohnt es sich, eine Grundfrage zu stellen: Ist eine xenophobische¹ Haltung - in einem Land, das seit jeher einen Schmelztopf von Kulturen darstellt - gerechtfertigt?
Gerne werden Geschichten, Sagen, Märchen zitiert, wo von barbarischen, türkischen Horden die Rede ist, von Hunnen und Russen, die alles niedergemetzelt und dem Erdboden gleichgemacht hatten. Eine gefährliche Pauschalisierung, wenn man oft von einigen Stämmen ausgeht, die für ihre Kriegskünste berüchtigt waren und die anscheinend immer noch Repräsentanten für eine ganze Nation darstellen. Oder wenn man generell von Situationen ausgeht, die nicht dem aktuellen poltischen Stand eines jeweiligen Volkes entsprechen.
Die Türkei besteht nun mal nicht aus islamistisch orientierten Fundamentalisten, die an einem Dschihad, einem „Heiligen Krieg“, interessiert sind. Und in weiterer Folge sollte man bedenken, dass Österreich in der Geschichte auch für so manche Kriegsgreuel verantwortlich zeigt. Aber vielleicht wird das auch gerne verdrängt.
Nachdem diese eingangs erwähnte Szene südlich von Wien stattgefunden hat, ist es interessant mal nachzusehen, was sich hier schon alles an Völkern getummelt hat:
da Treffen wir auf Einwanderer aus vorkeltischer Zeit, auf die Kelten selbst und auf die Römer. Auf asiatische Hunnen, iranisch-stämmige Alanen, auf Goten, Markomannen, Vandalen und andere Germanenstämme , die im Zuge der Völkerwanderung auch das Gebiet um Wien erreichten. Wir treffen auch auf Awaren – ein asiatisches Reitervolk mit türkisch persischen Wurzeln, das sich für beinahe 250 Jahre im Gebiet des östlichen Wienerwaldes angesiedelt hat. Nach wie vor gibt es Forschungsbedarf was dieses Volk betrifft. Jedenfalls haben Ausgrabungen im Gebiet um Mödling einige Schätze zum Vorschein gebracht, welche im Bezirksmuseum zu bestaunen sind. Zum einen haben sich die Awaren mit der Zeit in andere, bereits angesiedelte Stämme integriert. Zum anderen wurden sie durch Karl dem Großen und auch durch seine Nachfahren aus der damaligen „Awarenmark“ (Gebiet im heutigen Niederösterreich) weiter süd-ostwärts zurückgedrängt, wo sie dann in späterer Folge in den Völkern der Südslawen aufgingen.
Jedenfalls zeigt die bewegte Geschichte Österreichs, dass u.a. nicht nur westeuropäische Heerscharen ihre Spuren hinterließen, sondern durchwegs auch zentralasiatische Völker sowie verschiedenste Gruppierungen östlicher Regionen. Die Epoche der Habsburger leistete durch die große Ausdehnung des Reiches einen zusätzlichen Beitrag zu einem mehr oder weniger freiwilligen integrativen Prozess unter den Völkern der Donaumonarchie.
Nachdem die Familie der genannten Greißlerin seit etlichen Generationen im Gebiet des Wienerwaldes angesiedelt ist, bestehen also durchwegs gute Chancen, dass in ihrem Stammbaum Vorfahren anzutreffen sind, die auf Hunnen, Awaren sowie auf zahlreiche slawische Stämme zurückzuführen sind. Und dabei sind die Migrationsbewegungen der letzten Jahrhunderte, Jahrzenhnte noch gar nicht berücksichtigt.
Ein interessanter Gedanke …
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¹ Xe·no·pho’bie, die; Abneigung gegen alles Fremde, Fremdartige
Definition gemäß Langenscheidt Fremdwörterlexikon, Langenscheidt KG Berlin und München, 2008
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LINKS:
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MigrantInnen in Österreich
Tags: Österreich, Geschichte, Integration
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August 2, 2008 at 10:34
guter Beitrag!! Interessanterweise habe ich gerade im aktuellen Falter gelesen, dass ein neues Buch erschienen ist, Klaus Bede u.a. (Hrsg) Enzyklopädie Migration in Europa. das genau dieses Thema behandelt.
August 2, 2008 at 10:53
[...] — Sigrid @ 10:53 Uhr vormittags Ich bin gerade über diesen lesenswerten Beitrag ”Neulich beim Greissler” gestossen, und eigentlich betrifft das Thema Medienbildung nur am Rande. Oder? Im angelsächsischen [...]
August 2, 2008 at 10:55
Mehr hier
http://medienabc.wordpress.com/2008/08/02/turkische-zeitungen/
August 2, 2008 at 8:41
Na, Xenofobie is ja eine „natürlich“ Sache, und betrifft buchstäblich JEDES Land. Ich finde, es hat was mit den Schützer-Instinkt des Tierreiches zu tun. Aber nichts mit der menschlichen Zivilistaion -zumindest sollte es nicht…
Die Angst vor dem Fremden ist am besten mit den persönlichen Erfahrungen zu überwinden. Aber nicht jeder sessahter Bürge ist eben bereit, diese persönliche Erfahrungen zu machen.
August 4, 2008 at 7:07
Danke für deinen interessanten Artikel und die Links.
Ich persönlich denke, dass in Westeuropa mit dem Wort „Türke/n“ eher die Gastarbeiter assoziert werden als die Türkenbelagerungen.